Mentaltraining im «Sagmäähl»

Die Herren, welche sich jeweils im Schwingen messen, sehen nicht gerade so aus, als wären sie emotional sehr sensibel. Gross gewachsen und stämmig, so kennen wir die «Bösen». Doch auch diese etwas raubeinig wirkenden Schwinger kriegen manchmal weiche Knie. Mentaltrainer Matthias Fuchs erzählt von der psychologischen Arbeit im Sägemehl.

 

Der Schwingsport hat in den letzten Jahren in Punkto Medieninteresse enorm zugelegt. Je mehr Interesse von aussen, umso professioneller wird der Sport betrieben. Im Vergleich zu früher gelten die Mentaltrainier nun aber nicht mehr als «Tuubelidoktoren», sondern geniessen einen guten Ruf in der Schwingerszene. Als ich vor knapp vier Jahren erstmals in einem Schwingkeller auftauchte und mit acht Männern, die eine Postur von Bären aufwiesen, Visualisierungstraining machte, fragte ich mich im ersten Augenblick, ob ich den richtigen Beruf gewählt habe! Phuiii ich war erleichtert als ich feststellte, dass auch die ganz bösen Jungs bereits auf Mentaltraining setzen und offen für alles sind, was sie weiterbringt.

 

Eine kleine Liebesgeschichte entstand zwischen mir und dem «Sägemehl» Obwohl ich überall mit den Schwingern meine Mentaltrainings durchführen könnte, fing ich an diese oftmals dunkeln und aussergewöhnlich riechenden Keller, als Trainingsort zu nutzen. Die Menschen, die darin trainieren, sind eine eingeschworene Einheit und neben ihrer vorbildlichen Kameradschaft puschen sie sich immer wieder zu Höchstleistungen. Es gibt viele schöne Orte des Sportes. Rissige Stadien oder wundervolle Anlagen mit modernster Technik. Die Einfachheit eines Schwingkellers, der faulige Gestank in der Luft, an solchen Plätzen werden Champions gemacht! Und hier fühlen sich diese Leute auch pudelwohl.

 

Was dem Handballer das Harz, dem Fussballer der Rasen, dem Wintersportler der Schnee, ist dem Schwinger sein Sägemehl. Für das Mentaltraining ist so ein Ort Gold wert. An diesen Orten fühlen sich Schwinger wohl. Diese Gefühle, die bei einem Schwinger hier hochkommen, sind für ihn absolut positiv und da setzen wir im Mentaltraining an. Wir lassen die starken Jungs dies auch vor 10000 Zuschauern erleben, damit sie nicht mit weichen Knien das Sägemehl betreten.

 

Über den Sommer 2018 durfte ich 3 Schwingclubs begleiten und 12 Schwinger wünschten sich Einzelcoachings. Die grosse Einsatzbereitschaft und die Offenheit gegenüber dem Mentaltraining überraschte mich auf Anhieb. Beim ständigen Austausch mit den Schwingern vor und nach Wettkämpfen bemerkte ich, wie viel Freude und Ehrgeiz diese Sportler an den Tag legen. Nach vielen Reflexionen, gemeinsamen Wettkampfvorbereitungen und Visualisierungsübungen bin ich sehr stolz auf diese Sportler und freue mich, dass alle ihre angestrebten Ziele erreichen konnten oder diese sogar übertroffen haben.

 

Die Vorbereitungen für dieses Jahr laufen bereits, dies natürlich im Hinblick auf den Saisonhöhepunkt in Zug. Auch da werden die bösen Jungs wieder weiche Knie bekommen, doch mehr und mehr besitzen sie die Fähigkeit, diese auszublenden.